Mittwoch, 4. September 2024

Tag 10: Achtung, Geisterfahrer

Faver - Hornalm/Malga Corno am Trudner Horn
(27,7 km - 1.590 Hm auf - 450 Hm ab)

Wenn man sich an den E5-Führer aus dem Rother-Verlag hielte - mal ganz davon abgesehen, daß der von Konstanz gen Süden über die Alpen (nach Verona) führt - so hätte man in Cembra genächtigt.

Bis dahin muß ich heute Morgen erstmal kommen. Und schweißtreibend geht es erstmal ordentlich bergauf.

Würde ich Kiwis gerne haben, hätte ich hier evtl. gleich mal zugelangt, denn die Bäume hängen voll und manch eine Frucht baumelt quasi vor der Nase:

Fast wie im Schlaraffenland.

Vom Zentrum von Faver ist es dann auf gleicher Höhe nicht mehr weit bis Cembra.

Und von dort kann ich mich dann - nach gut einer Stunde "Vorlauf" - an den eigentlichen Aufstieg des Tages machen:

Kurz vor dem Lago Santo/Heiligersee (schreiben die wirklich so !) überholt mich noch ein italienischer Bergläufer und wenige Minuten später ist er (augenscheinlich) schon auf seinem Rückweg.

Gut, daß er mich an einer übersichtlichen Stelle passierte, nicht, daß es noch zu einem Unfall kommt ! :-o

Sicherheitshalber nehme ich mal das Handy und höre in die örtlichen Radio-Nachrichten. Und das ist gut so !

Auf Italienisch und auf Deutsch (ich bin ja heute quasi auf einem Balanceakt an der Sprachgrenze unterwegs) wird vor einem Geisterfahrer auf dem E5 gewarnt.

Aber diese Radiomenschen haben echt keine Ahnung.

Einer ?

DUTZENDE !

Um Punkt 12:00 Uhr überfährt mich fast ein Reisebus aus ca. 12 deutschen E5-Wanderern, die quer über die Wanderfahrbahn verteilt, plötzlich um einen Felsvorsprung herum kommen.

Um 12:15 Uhr dann gleich der nächste große Kleinbus mit ca. 8 deutschen E5-Wanderern. Selbst Spiel. Aus dem Nichts. Ich kann auch hier den Zusammenstoß noch gerade so, haarscharf vermeiden.

Mann, Mann, Mann, Gott sei Dank habe ich dann erstmal wieder meine Ruhe (um mich nicht weiter aufzuregen, habe ich mich dagegen entschieden, beim Radio anzurufen)...

Zur Besänftigung hilft bei manchen Menschen ja Essen. Habe ich mir sagen lassen. Das will ich jetzt auch mal ausprobieren und so nehme ich den kleinen Umweg über das Rif. Potzmauer:

Die drei Variations-Knödel (Käse/Rote Beete/Speck) sind schon mal nicht schlecht, ob der Größe bin ich allerdings noch nicht ganz/nachhaltig beruhigt.

Also lieber mal weiter gen Nord-Westen...

Interessant an/jenseits der Sprachgrenze ist die Beschilderung (Hint: Südtiroler Wegweiser sind aus Echtholz):

Augenscheinlich gibt es da zuweilen/stellenweise quasi einen Wettkampf: Der neueste Wegweiser steht immer vorne.

Manchmal war aber auch der italienische auf der einen Seite des Weges und der südtiroler just gegenüber.

Was auch auffällt: Für dasselbe Ziel rechnen die italienischen Experten 30 Minuten, die Südtiroler aber nur 20.

Manch einer mag das für einen Fehler (z.B. im Raum-Zeit-Kontinuum) halten, ich dagegen muß sofort an die Austellung mit dem Titel "Arbeiten am Berg" auf der Lavitz-Alm unterhalb des Pfitscher-Jochs denken.

Unter der Rubrik "Schmuggel" wird nämlich erwähnt, daß die Südtiroler Solo-Selbstständigen in den goldenen Zeiten mit 20 Kilogramm "Nutzlast" (z.B. Autoreifen) am Buckel immer noch schneller waren als die reingeschleiften süditalienischen "Finanzer", die ihnen nachstellen sollten (aber wohl oft eher das NachSEHEN hatten).

Evtl. sind derartige Anlagen im Zuge der Vererbung...

Nach einer Weile erreiche ich den Weiler Gfrill, wo die Etappe nach Rother eigentlich beginnt/endet. Zum Ausgleich meines früheren Beginns, will ich aber noch ein Stück weiter.

Laut Ausschilderung soll es noch zwei Stunden bis zur Hornalm sein.

Ca. 15 Gehminuten nach dem Örtchen kommen mir vier Frauen entgegen: E5-Wanderinnen, die wohl vor Jahren mit Oberstdorf-Meran begonnen hatten, auf den Geschmack gekommen sind und so jedes Jahr immer ein Stück weiter gehen.

Das hörte man auch vor zwei Jahren bereits viel und augenscheinlich hat sich daran nichts geändert !

Der Weg zieht sich nach dem Aufstieg noch eine ganze Weile, aber letztlich kommt mein Tagesziel in Sicht, wo ich der einzige Gast sein werde:

So ganz allein abends im 10er-Lager im Nachbargebäude (früher evtl. ein Stadel ?) lasse ich den Tag nochmal Revue passieren und wahrscheinlich sind diese E5-Wanderer mit ihren Wochentouren eben nahezu alle auf dem selben Rhythmus unterwegs, so daß ich heute die "Welle" getroffen bzw. gebrochen habe.

Schon faszinierend: 

Einerseits endlich mal tagsüber Leute im Wald/am Berg getroffen, andererseits 24/25 waren deutsche E5-Gänger, das sind grob abgeschätzte 96% ! - Von der Frontalzusammenstoßwahrscheinlichkeitsproblematik dieser Irrläufer mal ganz zu schweigen !!

Na, hoffentlich schließen die rechten Partein in Italien nicht bald wegen Overtourism und Überfremdung ihre Grenzen, Wälder und Berge...


Begegnungen:

- 1 kleiner Frosch

- 12:00: ~12 E5-Wanderer

- 12:15: ~8 E5-Wanderer

- nach Gfrill: 4 E5-Wanderinnen


3 Kommentare:

  1. Wenn du als Einziger Massen an Entgegenkommenden hast, steht wohl außer Frage, wer der Geisterfahrer ist. ;-)

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    1. Och, Du unterschätzt meinen Dickkopf (Größe und Härte), meine zuweilen einfallsreihe Argumentation und meine Kondition beim Vertreten meines Standpunktes ;-)

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  2. Das liegt wie immer im Auge des Betrachters ;)

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