Ludwig Graßler tüftelte ja Anfang der 1970er-Jahre eine der heute populärsten Routen zu Fuß über die Alpen aus:
München - Venedig
Nachdem er erst von München aus, über seinen Wohnort Wolfratshausen hinaus, Schritt für Schritt einen Weg der Isar folgend bis in die Berge, zum Isar-Ursprung und dann weiter hinunter ins Inntal eruiert (und teils organisiert) hatte, ging es anschließend durch die Tuxer sowie Zillertaler Alpen, nach der Durchquerung des Pustertals in die Dolomiten, danach über eine letzte italienische Voralpen-Rippe (Nevegal) und dann an der Piave entlang gen Jesolo, wovon es nicht mehr weit bis zum Übersetzen nach Venedig ist.
DER Weg ist sein Weg und damit wird Ludwig nicht vergessen werden, denn jedes Jahr starten Hunderte am Münchner Marienplatz, um in ca. vier Wochen oder 28 (Wander-)Tagen am Stück (oder über Jahre aufgeteilt in mehrere Abschnitte irgendwann nach und nach) den Markusplatz in Venedig zu erreichen.
Dann sind sie meist ein paar Kilo (Körpergewicht) leichter und um viele Erfahrungen als auch Erlebnisse reicher. Manch einer erzählt davon ein Leben lang...
Aber auch die Lebenszeit eines bis ins hohe Alter hinein mit großer Ausstrahlung und Energie versehenen (körperlich) kleinen Mannes ist natürlich endlich.
War Ludwig im Frühjahr 2019 noch Langlaufen, so raffte ihn dann eine kurze schwere Krankheit (Krebs) dahin (auch wenn er im Kopf noch fit war) und er starb am 22. August desselben Jahres im Alter von 94 Jahren (siehe Nachruf von Stefan Lenz, der 2002 die Autorenschaft des M-V-Wanderführers im Bruckmann Verlag übernommen hatte).
Schon zu Lebzeiten hatte er für sein Ableben vorgesorgt und alles organisiert, wohin der letzte Weg seine Urne führen sollte.
Und ich kann ihn verstehen: Hier läßt es sich aushalten, auch wenn das Lebenslicht dann verloschen ist:
Auf der Hallerangeralm im Karwendel (nahe des RICHTIGEN Isarusrpungs) wünschte er beigesetzt zu werden. In Tirol (Österreich) ist das unter gewissen Voraussetzungen (im Gegensatz zu Deutschland) auch gar kein Problem.
Ich hatte mir wegen des Anlaßes Urlaub genommen und war am Vorabend wohl einer der Letzten, der von Scharnitz zu Fuß aufgestiegen ist.
Am VIP-Tisch der bereits Anwesenden durfte ich Sylvia und Eva-Maria kennenlernen, Konrad und Karl kannte ich ja bereits vom von mir organisierten München-Venedig-Veteranen-GC-Treffen beim Bruckenfischer 2016, wo Ludwig auch extra mit den beiden damals vorbeikam.
Jedenfalls läßt Konrad bereits kurz nach dem ersten Willkommen so einen Satz der Art fallen: "Ja, an den Kai, an DEN haben wir ja gar nicht gedacht, vielleicht wäre DER...".
Am nächsten Morgen liegt die kleine Kapelle erst noch scheinbar verlassen, aber der Freundeskreis von Ludwig hat bereits alles vorbereitet.
In die winzige Kapelle passen zwar bei weitem gar nicht alle, die extra aus unterschiedlichsten Regionen und insbesondere aus seiner Heimat Wolfratshausen angereist sind, hinein...
...aber draußen ist ja genug Platz (und bestes Wetter):
Ein paar Alphornbläser hat der Wirt mit den Instrumenten den langen Weg aus dem Tal in Scharnitz und am Ende - kurz vor der Kastenalm - die höllisch steile Rampe gen Halleranger auch extra heraufgefahren (genauso wie die Lebensgefährtin von Ludwig):
Es wird eine sehr bewegende und insbesondere persönliche Verabschiedung und wie meint eine ältere Dame aus Oberbayern (die sicherlich schon viele - sonst mutmaßlich eher kirchliche - Trauerfeiern mitgemacht hat): Es war wohl ihre schönste...
Nach dem Mittag zerstreut sich die illustre Runde und ich gehe noch mit Sylvia (die als 15/16-jährige mit Ludwig und Arnulf die Erstbegehung des Traumpfads München-Venedig 1974 absolviert hat) bis zur Kastenalm, wo sie ihr Fahrrad geparkt hat.
Sie erzählt mir auf dem Weg viele interessante Geschichten von der damaligen Tour und insbesondere aus ihrem weiteren Leben.
Ab der Kastenalm bin ich dann den langen Weg bis zurück zum Auto am Parkplatz in Scharnitz ganz alleine unterwegs und kann etwas sinnieren und auch den Gedanken freien Lauf lassen.
In Traueranzeigen oder auch auf Grabsteinen findet man bei Bergsteigern/(Weit-)Wanderen ja manchmal eine Widmung nach dem Motto:
Aber was, wenn es vielleicht doch noch einen, also quasi einen aller-letzten, Weg gäbe ?
