Dienstag, 24. September 2024

Tag 29: Der große Tag

Kloster Schäftlarn - München, Marienplatz
(24,3 km - 150 Hm auf - 240 Hm ab)

So, nun bin ich wieder alleine (zum Ausgleich lade ich mir gleich mal ein paar Dutzend München-Venedig-Weitwander-Freunde für November hier ins Klosterstüberl ein) und die letzte Etappe steht an.

Statt Loissach- oder Isar-Uferwanderung muß ich aber erstmal ein Stück an der Straße entlang bergauf, um dann rechts in den Wald abzubiegen.

Ich lasse es ganz gemütlich angehen, denn statt der Original-München-Venedig-Etappe Marienplatz - Wolfratshausen, spaziere ich ja nur 75% rückwärts.

Zwischendurch erhasche ich vom Hochufer immer wieder Blicke auf die rechts unter mir liegende Isar.

Links am Weg dafür auch skurile Installationen:

NEIN, ich komme NICHT auch nur auf den Ansatz des Beginns der Entwicklung eines möglichen Gedankens, auf den letzten Kilometern doch noch Hilfsmittel - und seien es mit Muskelkraft-betriebene - in Anspruch zu nehmen !

An den Georgenstein (früher auch "Großer Heiner" genannt) im Fluß kann mich auch nach mehr als 17 Jahren noch gut erinnern:

Das Wetter bessert sich und mittlerweile muß ich zuweilen wegen der Sonne gar blinzeln.

Jetzt nur auf den letzten Metern (bei teilweise frühherbstlichen Verhältnissen gerade Ende September) - noch ist der Weg im Schatten naß - nicht noch verunglücken.

Längst geht es nur wenige Meter oberhalb der Isar in Flußnähe entlang, während zurückblickend oben die Villen trohnen:

An der Großhesseloher Isar-Hoch-Brücke wundere ich mich dann bei stahlblauem Himmel über heftigen Niederschlag: Ah, da sind Arbeiter am Reinigen und werfen den Dreck in die Isar.

Schließlich komme ich dem Münchner Zentrum durch Grünanlagen, über Brücken, Pfade und Spazierwege immer näher.

Hinter dem Tierpark Hellabrunn geht es mittlerweile auf der östlichen Seite der Isar weiter gen Norden.

An der Baustelle des Deutschen Museums auf der Museumsinsel quere ich dann den Fluß ein letztes Mal.

Zum Abschluß optimal passend, schreite ich durch das ISARtor...

... und weiter - nach all den Bergen - durch's Tal (wie die Straße wirklich heißt !) und dann stehe ich am Münchner Rathaus:

Der Marienplatz ist erreicht !

War ich in Konstanz 49 Jahre und auf den Tag genau 11 Monate nach der Einweihung des E1 und E5 an Ort und Stelle (E1-DE, 2020: Tag 76), so bin ich dieses Mal genau 49 Jahre und 12 Monate (oder anders gesagt: 50 Jahre und erneut ein Dienstag - als hätte man ein Schweizer Uhrwerk gestellt) nach der Ankunft von Ludwig, Sylvia und Arnulf am Markusplatz in Venedig wieder hier am Marienplatz in München.

Eine lange, ja ganz lange Schleife schließt sich.

Und fünf Jahre nach dem Tod von Ludwig Graßler im Sommer 2019 ist nun - am 24. September 2024 - auch sein letzter Wille, ja sein Vermächtnis in die Tat umgesetzt: Ein Weg zu Fuß von Verona zurück über die Alpen nach München, über den E5 und die Loissach-Runde (alpiner Teil - soweit Schnee-bedingt möglich).

Habe die Ehre, Ludwig, mein Freund, da oben im (Weit-)Wanderer-Himmel !

Und übrigens: NATÜRLICH geht man das normalerweise in 28 Tagen (wie München-Venedig), wenn man es am Ende nicht so faul ausklingen läßt wie ich, um den Jubiläumstag punktgenau zu erreichen ;-)


Begegnungen:

- 1 Kleiber

- 1 Maus

- 1 schwarzes Eichhörnchen


Montag, 23. September 2024

Tag 28: Sissi und Karl der V. von und zu Wolfratshausen

Beuerberg - Kloster Schäftlarn
(22,9 km - 120 Hm auf - 160 Hm ab)

An sich steht heute nur eine (streckenmäßig) kurze Etappe an, aber weil ich noch ein paar Begegnungen anvisiere, sollte ich mir beim Start am Morgen nicht all zu viel Zeit lassen, um mir noch Zeit zu lassen.

Der Himmel ist relativ bedeckt und so spaziere ich in der Nähe der Loissach gen Norden.

In einem Wäldchen kommt mir ein einzelner netter Hunde entgegen:

Bellt nicht, kläfft, knurrt nicht, schmutzt nicht, macht Platz - wenn auch nicht PLATZ, steht nicht im Weg rum, und schaut freundlich.

Eine Weile später, längst jenseits des Waldes sehe ich einen Mann, der abwechselnd angestrend auf sein Handy schaut, dann die Umgebung scannt, ein paar Meter weiter geht und wieder von vorne.

Mmmh, gibt's hier evtl. neuen Geocache und da ist jemand auf dem Weg zum First-to-Find ? - Habe nichts gesehen, aber vielleicht so ein Premium-Member-Dingens.

Als ich den Herren erreiche. mustert er mich. Prüft er jetzt Mann, Mensch oder Muggel ?

Nein, er spricht mich auf seinen entlaufenen Hund an, den er per Satelliten-TRacking verfolgt.

Oha, JA da kann ich weiterhelfen/Hints geben: Das ist halt der Fluch mit den beweglichen Zielen - deswegen sind die bei Groundspeak schon >> 20 Jahre verboten ;-)

So hat sich auch die Frage mit dem alleinreisenden Vierbeiner geklärt, wobei es sonst über die (zweibeinigen) Oberbayern schon auch heißt: "Hund san's scho !"

Schon bald erreiche ich Wolfratshausen, wobei das externalisierter Interieur mich eher an (Nord-/Ost-)See denken läßt:

Hier lebte Ludwig Graßler und machte sich im Ruhestand immer einen Spaß daraus, München-Venedig-Wanderer abzupassen und mit ihnen zu sprechen.

Nun ist der gute Ludwig auch bereits wieder fünf Jahre tot...

Aber - dumm darf man sein, man muß sich nur zu helfen wissen - ich habe mich einfach mit einem Freund von ihm von unterwegs telefonisch verabredet.

Irgendwie war ich aber wohl zu schnell und auch bei der schriftlichen bzw. telefonischen Treffpunkt-Koordinaten können/sollten/müssen wir noch an uns arbeiten.

Da ich aber heute genug zeitlichen Puffer habe, ist auch etwas auf und ab und hin und her gar kein Thema und letztlich klappt das schon mit dem Treffen und da kommt auch schon Charlie (mit der kleinen Sissi) angeeilt:

Wir gehen in der Nähe im Biergarten gemütlich Mittagessen und Karl läßt es sich auch nicht nehmen, mich anschließend noch zum Gedenkstein zum 50. Jubliäum der München-Venedig-Route zu führen, der hier vor wenigen Tagen eingeweiht wurde:

Na, wenn die wüßten bzw. sauber recherchiert hätten: Das genaue Start-Jubiläum ist schon Wochen her und das Ziel-Jubiläum kommt erst noch.

Ein Mal mit Profis arbeiten !

Charlie begleitet mich dann noch ein Stückchen an der S-Bahn entlang gen Norden und dann trennen sich unsere Wege wieder, allerdings nicht, ohne uns nochmal gemeinsam verewigt und lose für ein Venediger-Treffen im Herbst verabredet zu haben.

Danke Charlie, war mir (wie immer) eine Ehre !

Auf dem weiteren Weg stellen sich mir dann schon noch ein paar Fragen...

Wer anderen eine Grube gräbt ?

Schlammschlacht ?

Ludwigs Erben ? - So begann ja damals alles - noch vor der Idee der Route über die Alpen - mit dem Auftrag des Isartalvereins einen Wanderweg (wieder) zu entwickeln an der Isar entlang.

Vom Hochufer der Loissach geht es jetzt nahezu halsbrecherisch (höhere Terrain-Wertungen bin ich ja gar nicht mehr gewohnt nach all dem Flachland der letzten Tage):

Und dann stehe ich auch schon am Zusammenfluß von Loissach und Isar.

Mit leichten Hürden geht es dann weiter an der Isar entlang.

An das Ickinger Wehr erinnere ich mich auch nach all den Jahren seit München-Venedig 2008 noch...

Die Kraft des Wassers ist schon beeindruckend und das Wetter mitllerweile auch wieder traumhaft.

Der Weg am Isarkanal entlang nahezu kerzengerade nach Norden zieht sich dann nochmal ganz schön: Ist halt auch recht langweilig...

Beim Bruckenfischer biege ich schließlich links ab und lasse den Kanal hinter mir, jetzt sind es nur noch ein paar (Hudnert) Meter bis Kloster Schäftlarn.

Gegenüber meiner Unterkunft (Bräustüberl) steht das Kloster:

Abends kommt dann auch extra Stefan noch vorbei, der nach der Jahrtausendwende den München-Venedig-Wanderführer im Bruckmann Verlag von Ludwig übernommen hatte und damit den Weg wohl am Leben erhalten hat.

Seit vielen Jahren kümmert er sich auch um die Webseite und das Forum.

Danke dafür und für den netten Abend, Stefan !


Begegnungen:

- 1 herrenloser Hund

- 1 hundeloser Herr

- Karl ("Charlie") + Sissi in Wolfratshausen

- unzählige Libellen aller Größen, Formen und Farben am Isarkanal

- ca. 1 Dutzend Schwäne am Isarkanal

- Stefan Lenz


Sonntag, 22. September 2024

Tag 27: Loisach-Trödeln

Bad Heilbrunn - Beuerberg
(16,2 km - 170 Hm auf - 200 Hm ab)

Heute steht eine kurze Etappe auf dem Programm: Also erstmal ausgiebig frühstücken, dann den letztmöglichen Check-out vollziehen und ganz gemütlich losspazieren.

Damit es nicht ganz so hektisch wird, dann zwischendurch gleich mal ausgiebig der Makrofotographie widmen (eigentlich nicht so meines):

Nichtsdestowenigertrotz läßt es sich kaum verhindern, daß ich gen Westen bald die Loisach erreiche (und überquere):

Gen Norden folge ich dem Fluß nun eine Weile auf dem Hochwasserschutz-Deich:

Unterwegs nehme ich zum Ausgleich für mein gemächliches Dahinschlendern so ziemlich jede (verfügbare) Bank für eine Pause mit.

Am Ende des Weges am Fluß entlang, wechsle ich nicht nur die zu kreuzende Straßenseite, sondern verlustiere mich auch noch ein wenig in den westlichen Hügeln zwischen Loisach und Starnberger See.

Unterwegs erhalte ich dann auch nicht christliche Erhellung: Ich befinde mich also auf dem südostbayerischen Jakobsweg (nicht mit dem Münchner zu verwechseln, der wohl direkt am Starnberger See entlang bzw. außenrum geht):

Aha, da waren also evtl. auch Mutter und Tochter aus Hamburg (Verona - München, Tag 24) unterwegs gewesen.

Zuweilen haben diese Altbayern aber schon auch einen (etwas) speziellen Humor: Eine Kirchenbank mitten in der Wildnis am Moorrand ?!

Aber immerhin: Auf (nahezu) jedem Hügel ein Gasthaus !

Meine Heiterkeit wird noch durch die örtliche (Straßen-)Beschilderung gesteigert:

Warnung vor 15 (in Worten: FÜNFZEHN) Prozent Gefälle ? *lol* - In Südtirol würden sie das wohl als (nahezu) Ebene ansehen - siehe Verona - München, Tag 12

Habe ich doch dort nirgends ein Schild mit weniger als 35% Steigung/Gefälle gesehen...

Apropos Gefälle: In Beuerberg liegt die Loisach dann wieder deutlich unter mir, als ich auf meinem Weg hinten am Kloster vorbei marschiere.

Die Beschilderung paßt aber: Der Herr wurde (vom Weg) her geleitet und weiter geht (der Weg) zur Loisach...

Nach etlichen Stufen komme ich direkt an der Hintertür des Gasthofs Mühle heraus. Meine Pension ist wohl beim Bruder bzw. der Schwägerin gleich im angebauten Nachbarhaus.

Kurze Wege zum Abendessen. Und zur Loisach:

Und für alle (Baby-)Schaf-Liebhaber: (Rote) Lammbratwürste mit Pommes sind auch lecker :-)


Begegnungen:

- 2 Eselchen (braun + grau)


Samstag, 21. September 2024

Tag 26: Die letzten Gipfel

Tutzinger Hütte - Bad Heilbrunn
(22,2 km - 750 Hm auf - 1.450 Hm ab)

Ein neuer Morgen. Ein neuer strahlender Tag. - Nachdem ich in der Nacht Sternenhimmel-Blick von meinem wohlausgewählten Lagerschlafplatz hatte.

Über Nacht ist zwar weithin sichtbar der Schnee nochmal DEUTLICH weniger geworden, aber nachdem der Wirt am Vorabend auf Nachfrage noch meinte am Vortag (also vorgestern von heute betrachtet) habe sich jemand die Nordwand aus dem Tiefental durch teils hüfthohen Schnee hoch gekämpft, gehe ich mal lieber auf Nummer sicher und starte mit langen Hosenbeinen, Regenhose und Grödeln.

Von der Hütte weg geht es erstmal ca. 100 Höhenmeter gen Osten bergauf und dann stehe ich am Steilhang und stelle fest, daß der Abstieg mehr oder wenig komplett ausgeapert ist.

Nun, besser so als anders herum ;-)

Vorsichtig steige ich im Schatten den teils ganz ordentlich rutschigen, steilen Steig hinab, an den ich mich noch gut von 2008 erinnern kann: Damals mußten wir hier - von Wackersberg/Bad Tölz kommend - nach der Abzweigung in Arzbach ja letztlich von der Tiefenthalalm final hoch...

Blick zurück: 

An der Alm entledige ich mich dann ENDGÜLTIG der Grödeln (für diesen Sommer) und kann sie am Brunnen gleich noch reinigen, bevor sie zum trocknen außen am Rucksack montiert werden.

Regenhose und Hosenbeine sind auch längst obsolet.

Achtung, Kinder: Wer hat Angst vor'm schwarzen Mann ?

Abwechselnd durch Wald bzw. Alm-Gebiet setzte ich nun schlängelnd meinen Weg gen Norden fort.

Zwischendurch wird es nochmal recht matschig, aber die Richtung paßt...

Leider sind die ganzen nun folgenden Almen verlassen, auch wenn teilweise noch Kühe auf der Weide stehen.

Eine wie die andere nicht bewirtschaftet:

Ich blicke nochmal zurück gen Süden und damit in Richtung Benedikten-Wand:

In die andere Richtung liegt der Schlußanstieg zum (gerade sehr belebten) Gipfel des Zwieselbergs vor mir:

Am Fuß - kurz vor der Abzweigung vom Fahrweg auf den Pfad im Steilhang - steht noch ein letzter Wegweiser: 35 Minuten sind angeschrieben.

Nach 15 Minuten langsam aber gleichmäßigem Aufstieg stehe ich oben.

Ein Landstreicher am Zwiesel, 1.348m:

Nach einer kurzen Pause verabschiede ich mich vom Trubel hier oben und gehe weiter nach Nordwesten. Erst geht es durch den Wald abwärts (am Stallauer Kopf, 1.302m vorbei) und dann droht der nächste Aufstieg: Diesmal allerdings deutlich kürzer und nicht annähernd so steil wie vorhin...

Auch am Stallauer Eck (1.213m) halte ich den Moment nochmal fotographisch fest:

Das war er nun: Der letzte, ja der allerletzte Gipfel dieser Tour über die Alpen.

Jetzt kommt der Abstieg durch den Wald...

Als ich den Ortsrand von Bad Heilbrunn erreiche, komme ich just dort an der Umgehungsstraße raus, wo sich ein großer Rewe-Markt befindet.

Ich deute dies als Zeichen, kippe mir erstmal einen Liter kalten Kakao hinter die Binde und gönne mir einen LKW für zwischendurch: 2,30 Euro ! - Da kann man (ausnahmsweise) nichts über die Oberbayern sagen. In den Randlagen von Stuttgart hatte ich im März fast FÜNF Euro dafür bezahlt !!

Mein Quartier (von der Bodenkontrolle schon vor einigen Tagen in bewährter Manier organisiert) liegt heute etwas außerhalb, also schlängle ich mich an Bad Heilbrunn vorbei und ca. 1,5 Kilometer vor dem Ziel dann SOWAS:

*argh* erinnert mich irgendwie an die Passage Grainau-Garmisch vor einigen Tagen (Verona - München, Tag 23) :-(

An meinem IQ hat sich seither mutmaßlich nicht viel geändert. Auf Grund natürlicher Alterungsprozesse sind vielleicht noch ein paar graue Zellen verstorben und dafür Haare grauer geworden (oder ausgefallen). Auch an Dazulernen ist bei derartig limitierten geistigen Fähigkeiten nicht in Ansätzen zu denken und so stelle ich erneut einen Mangel an Rädern, dafür einen renitenten Vorwärtsdrang fest.

Warum hier irgendwas gesperrt war, erschließt sich mir am anderen Ende irgendwie gar nicht. Prompt animiere ich eine entgegenkommende Spaziergängerin gleich noch in die Gegenrichtung durchzugehen. Es lebe die subtile Subversivität :-)

Dann spaziere ich über einen (letzten) Hügel, wo mir die grünen Bad Heilbrunner Spazierrunden-Wegweiser, die immer ausführliche Wegbeschaffenheits- und Ausrichtungs-Informationen enthalten, zu denken geben: Es droht wohl noch eine steile Nordwand, wo ich (fast) mit dem Schlimmsten rechne. Sowas wie Todeisfelder oder so. Mir läuft es kurz - trotz der prallen Sonne - kalt den Rücken hinunter, aber dann besinne ich mich der Grödeln am Rucksack für den Notfall und schreite weiter voran.

Aber es wird nichts so kalt gegessen, wie es eingefroren wird - lautet ja das bekannte Sprichwort (oder so ähnlich).

Und so erreiche ich auch ohne den Einsatz von T5-Ausrüstung wohlbehalten meine nette Unterkunft im Ortsteil Reindlschmiede:


Begegnungen:

- 1 Steinbock

- 1 großer Greifvogel

- 9 Schafe