Dienstag, 17. September 2024

Tag 23: Ich bin zu dumm für Oberbayern

Grainau - Estergebirge - Wallgau - Krün
(30,0 km - 810 Hm auf - 660 Hm ab)

Am Morgen beim Losgehen nieselt es noch ein wenig, aber für den Tagesverlauf ist Besserung vorhergesagt und auch das Regenradar deutet genau in diese Richtung.

Klingt gut !

Von Grainau aus, muß ich erstmal gen Garmisch gehen, bevor meine eigentliche Etappe beginnt.

Mein Vater hatte es gut mit mir gemeint und mir gleich mal eine Route mit deutlich über 30 Kilometern geplant und zugemailt. Ich habe dann doch lieber mal fünf Kilometer Schleifen und Umwege wegrationalisiert. Und das war gut so ! - Wie sich im weiteren Tagesverlauf noch zeigen wird...

Aha, geht ja schon mal gut los:

Ich bin überfordert:

Also links geht es nirgends (mehr) hin (alles durchgestrichen).

Rechts geht es zur Autobahn und nach Garmisch. Also zumindest gute fünf Meter weit bis zur Totalsperrung.

Im Hintergrund (an der Brücke) kann man auch ein Fußgänger-Verboten-Schild aus der Ferne gut erkennen: Die richtige Richtung scheint hier also nicht gerade der beste, geschweige denn der mögliche Weg zu sein.

Während ich noch darüber sinniere (und erstmals an mir zweifle), was ich nun als Autofahrer wohl tun würde, realisiere ich als Fußgänger, daß mein geplanter Weg ja ein anderer ist.

Ich lasse also dieses ungeklärte Mysterium weit jenseits meines Intellekts einfach mal rechts liegen und gehe weiter meinen Weg.

Es dauert nicht mal fünf Minuten und ich stehe vor der nächsten Sperrung, die ziemlich genau so aussieht:

Ok, Durchfahrt für Fahrzeuge aller Art verboten.

Ich schaue zur Sicherheit (wie oben zu bemerken, ist es mit meinem Verstand ja nicht (mehr) weit her) nach unten und stelle sicher, daß ich wirklich keine Räder habe.

Ich scheine also kein Fahr-Zeug, sondern eher ein Geh-Tier zu sein (böse Schweizer Zungen aus Liechtenstein würden jetzt evtl. noch den Begriff Uhr-Werk ins Spiel bringen - aber das ist nochmal ein anderes Thema und ich bin ja noch nichtmal 500, geschweige denn 1.000 Kilometer gegangen).

Ich gehe also weiter.

An einem Unterführungstunnel (ca. 50 Meter lang und reichlich finster) sehe ich dann darin das Problem: Ein Mini-Bagger und ein Front-Lader reißen gerade den Asphalt aus dem Boden.

Oha, ich verfalle mal in bekannte Muster: Mit meiner roten Jacke positioniere ich mich abwartend am Tunneleingang und suche Blickkontakt zum Baggerführer, insbesondere als der Kollege gerade mal rausfährt, um abzukippen.

Ich kann den Mann im Führerhaus und seine ggf. bzw. eigentlich mutmaßlich (eher hat sich nämlich um 180° auf mich zu gedreht) in meine Richtung gemachten Zeichen zwar nicht erkennen, da die unteren und oberen Frontscheinwerfer mich blenden, deute die Passiererlaubnis aber wohl richtig.

Allerdings ist der potentielle Vorarbeiter auf der anderen Tunnelseite überhaupt nicht erbaut:

1. Ob ich die Schilder nicht gesehen habe: Doch natürlich, ich habe sie sogar studiert.

2. Warum ich einfach trotzdem weitergegangen wäre: Weil ich kein Fahrzeug bin und - im Gegensatz zur Straßenbrücke - kein Fußgänger-Verbot beschildert war.

3. Daß nun seit VIER Tagen, das ALLE kapiert haben: Nur ich nicht.

4. Ja, Mist, jetzt sei ich ja sowieso schon durch...


Tja, was soll ich sagen:

1. Als gebürtiger OberFRANKE bin ich für OberBAYERN wohl einfach nicht intelligent genug.

Ähnliches hatte sich ja schon im Vorjahr am Maximiliansweg bzgl. Wegweisern und Markierungen gezeigt: z.B. Wien - Nizza, Tag 21 

2. Der oberFRÄNKISCHE Rechenkünstler Adam-Ries(e) (aus Bad Staffelstein) hätte vier Tage mutmaßlich in 96 Stunden umgerechnet und durch eine aufwändige Substraktion (über einen Wochenwechsel hinweg) also empirisch herausgefunden, daß seit Freitag, 13.09.2024 gegen 09:30 keine schlauen Oberbayern (nennen wir sie hier der Einfachkeit halber mal "Schafe") mehr durchgehen/-fahren.

3. Interessant, daß auf dem Zettel überhaupt erst von einer Sperrung ab Montag, 16.09. (also gestern) die Rede ist.

Würde mich auch wundern, wenn die beim aktuellen Fortschritt der Arbeiten wirklich schon VIER Tage tätig gewesen wären. Und am Wochenende...

4. Hauptpunkt: Ich erinnere an gestern (Verona - München, Tag 22). Bei meinem Grenzübertritt nach Oberbayern war NIRGENDS ein Schild, daß ein Mindest-IQ von 50 für die Einreise nötig und für das (unbemängelte) Überleben obligatorisch ist.

Also da war ja nichtmal ein Deutschland- oder (Ober-)Bayern-Schild an sich !


Kurz danach verschwinden alle dunklen Wolken und auf Grund meines einfachen Gemüts (Dummheit hat auch einige Vorteile !), kann ich mich umgehend der Regenhose sowie des Anoraks entledigen und beschwingt nach Garmisch hinein spazieren :-)

Zur Feier des Tages direkt am Uferweg der Loisach entlang.

Loisach ?

Ja, genau.

Auch wenn ich gerade nicht meine ursprünglich über die Berge geplante (Hoch-)Route gehe, so bin ich irgendwie trotzdem auf der Loisachrunde von Ludwig...

Der Ortskern von Garmisch-Partenkirchen ist bald durchschritten und ich mühe mich an den Hängen des Wank hinauf/entlang.

Der Blick hinüber zum Kramer entschädigt aber schon mal ein wenig, auch wenn er sich teilweise noch etwas schamhaft in Wolken hüllt:

Auch gen Alpspitze und Zugspitze wandert mein Blick immer wieder...

... um mal einen Moment mit möglichst wenig Wolken abzupassen:

Irgendwann habe ich dann die meisten Aufstiegsmeter des Tages gemeistert und bin längst gen Osten und nicht mehr nordwärts unterwegs.

Mein Plan ist, das Estergebirge auf mittlerer Höhe (ca. 1.300m) zu queren, da die Weilheimer Hütte (ursprüngliches Ziel) auf knapp 2.000 Metern liegt, was wegen des Schnees natürlich weiterhin keine Option ist.

Kurz vor der Esterbergalm (ausgerechnet heute wegen Umbau geschlossen) stellen sich mir plötzlich ganz neue Herausforderungen:

Wo ist meine Wathose ?

HIER kann man ja aber noch gut ausweichen.

Direkt an der Esterbergalm kreuze ich dann meine eigentliche Route: Ich gehe gerade von West nach Ost und eigentlich wäre ich von Süden gekommen und gen Norden zum Krottenkopf mit der Weilheimer Hütte spaziert.

War es kurz vorher noch naß bis sumpfig, so kommt plötzlich ein trockenes Wegstück (Karst-Gebiet !) und prompt bemerke ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung am Boden: Auch ohne Brille kann ich die Blindschleiche hören...

Kurz danach sieht die Welt allerdings schon wieder anders aus. Ganz anders:

Dabei bin ich doch gar nicht so hoch !

Naja, alles was brechen wollte und sollte (hauptsächlich Buchenäste) liegt schon am Boden und sorgt für einen kleinen Hindernisparkour.

Ich bin aber nicht der Einzige, der hier unterwegs ist: Im Aufstieg nach Garmisch hat mich schon ein Tageswanderer überholt (den ich bis zu einer späteren Abzweigung immer mal wieder erspähe) und vor längerer Zeit müssen Radfahrer schwere Räder (bestimmt E-Bikes ;-) hier durch den Schnee (links von sich) geschoben haben, so wie das Spurenbild aussieht.

Irgendwann gleicht der Weg auch weder einer Winterlandschaft noch einem Flußbett, sondern führt einfach nur nett dahin...

Aber hier kommt schon ganz schön Wasser zusammen und fließt talwärts.


Tja, und IM Tal - kurz vor meinem Tagesziel Krün - stehe ich dann vor DEM Wasser.

Diese Furt, durch die der Wanderweg führt, sieht gerade ziemlich...

... SELBSTMÖRDERISCH aus.

Ich bin ja - bekanntlich - nicht der Hellste, aber hier zögere sogar ich. Ganz ohne Schild !

Es kommen zwei Einheimische mit Hund dazu und prompt bekomme ich einen Tipp, in welche Richtung (natürlich wegwärts) sich eine Brücke findet und wie man dort hinkommt.

Habe ich ein Glück: Das Rindvieh, das seinesgleichen sucht, wie das Sprichwort sagt.

Sonst stünde ich vielleicht morgen, übermorgen oder gar in VIER Tagen noch an der Furt und würde nachdenken - mit meinen beschränkten Möglichkeiten.

Am Ortsrand von Wallgau kommt sie dann:

Selten habe ich mich so über eine Brücke gefreut, auch wenn ich auf der anderen Flußseite dann wieder schnurstracks gen Süden zurücklaufen muß.

Und zu allem Überfluß wurden die (nötigen) Umwege hier auch noch baulich maximiert: Von links kam ich, nach rechts gehe ich. Über die Wiese abkürzen ist natürlich keine Option !

Nach genau 30 Kilometern erreiche ich meine Tagesziel - Wieviele wären das wohl auf der Route meines Vaters geworden ?

Dort denke ich dann noch an die Frage von Frank_Z zum Zustand meines zehn Jahre alten GPS-Geräts, welches schon ein paar Spaziergänge mit mir unternommen hat.

Ich habe es dann gleich mal ausgepackt und fotographiert:

Also ich finde ja, sieht aus wie neu. - Aber ich bin halt auch nicht ausreichend intelligent genug für die Gegend hier, muß ich nochmal zu Protokoll/bedenken geben...


Begegnungen:

- 15 Schafe

- 1 Eichelhäher

- 1 Blindschleiche

- 1 Eichelhäher

- 1 große grüne Libelle


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen