Im September 1974 kommen Ludwig (48 Jahre), Sylvia (mittlerweile 16 Jahre) und Arnulf (32 Jahre) am Marienplatz in Venedig an:
Damit ist quasi der Grundstein zum "Traumpfad München-Venedig", wie wir ihn heute kennen, gelegt, auch wenn damals die heutige Popularität (ca. 1.000 Starter pro Jahr) nicht annähernd vorhersehbar war.
Auch die Veröffentlichung eines ersten Buches mit Wegbeschreibung gestaltete sich schwierig und erst 1977 gelang es Ludwig einen Verlag zu finden und eine erste Auflage zu organisieren (Ludwig Graßler: Zu Fuß über die Alpen. Süddeutscher Verlag).
Nun ja, egozentrisch betrachtet, gibt es vielleicht schlechtere Jahrgänge ;-)
Zum 40. Jubiläum der Erstbegehung des Traumpfads München-Venedig treffen sich Sylvia, Ludwig und Arnulf bei einer Ausstellung zum Thema in Wolfratshausen:
Mir hat Ludwig 2016 ein gewidmetes Poster beim München-Venedig-Veteranen-GC-Event beim Bruckenfischer (in der Nähe von Kloster Schäftlarn), wo er mit Konrad und Karl vorbeikam, überreicht, was gerahmt in meinem Büro zu Hause einen Ehrenplatz hat:
Gleich daneben hängt von jeher in der neuen Wohnung seit fünf Jahren ein Relief der ganzen Alpen:
Und wie ich bei der Trauerfeier für Ludwig auf der Hallerangeralm erfahre, hat er quasi bis zuletzt noch für die Umsetzung seiner letzten Idee geplant:
Warum die Alpen nicht mal von Süden nach Norden überqueren, quasi im Anschluß an eine Ankunft auf der Alpensüdseite nach München-Venedig (oder separat) aus der Nähe zurück gehen ?
Er war mit einer derartigen Idee in guter Gesellschaft - auch wenn er davon mutmaßlich nichts wußte: Hans Losse, Ende der 1980er-Jahre Erfinder der L1-Alpen-Überquerung von Garmisch-Partenkirchen nach Brescia (ihm war die damals schon weithin bekannte München-Venedig-Route nicht einsam genug) hatte bereits direkt im Anschluß an seine erste Tour (mit seinem Sohn) begeistert einen L2 von Verona nach Salzburg erdacht.
Aus persönlichen Gründen scheiterte in den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten allerdings eine Begehung (und frustriert wanderten die - analogen - Unterlagen in die Tonne), bis sich ein Wanderer aus Franken für 2022 vornahm, den L2 zu (be-)gehen (an dem Zahlenspiel hätte Ludwig Graßler auch seine Freude gehabt ;-), insbesondere nach einem Treffen unter besondern Umständen in der Corona-Zeit (E1 längs durch Deutschland, Tag 15) und weil Hans damals, 2022 und auch heute (2024) noch unter den Lebenden weilt.
Nichtsdestotrotz war diese Geschichte mit dem allerletzten Weg, an dem Ludwig bis zu seinem Tod 2019 plante, nicht vergessen.
Ich hatte ja auch ganz konkrete Vorgaben, die eine Planung sehr erleichterten:
- Süd-Nord-Alpen-Überquerung
- Start in Verona
- den E5 (Europäischer Weitwanderweg 5) nehmen
- der Loisach-Runde folgen
- Ende in München
Eigentlich ganz einfach und so hatte ich das all die Jahre bereits als Option für 2024 (mehr oder weniger lose) im Kopf.
Der Job-Wechsel in diesem Jahr war eigentlich nicht geplant und Probezeit hin oder her, mit passendem Zeit-Management sowie Verhandlungs-Strategie könnte sich eine Realisierung ausgehen.
Nachdem der (diesmal begrenzte) Urlaub klar war, habe ich denn doch mal angefangen, ein wenig zu planen (the trail provides: er paßt GENAU in das festgelegte Urlaubsbudget):
Zuerst mal der E5...
Natürlich geht es hier NICHT um die extrem populäre, ja überlaufene Alpen-Kurz-Überquerung in acht Tagen von Oberstdorf nach Meran, die nur einen sehr kleinen Teilausschnitt und eigentlich davon auch nur eine (Abschluß-)Variante darstellt, sowie meist nicht komplett zu Fuß absolviert wird.
Der ganze E5 führt eigentlich vom (für barbar(a)ische badische Blagegeister: von der) Pointe du Raz an der französischen Atlantikküste über mehr als 4.000 Kilometer und die Alpen via Verona bis nach Venedig an die Adria. - Hier findet sich also bereits die Verbindung Venedig-Verona.
Der Europäische Fernwanderweg E5 wurde zusammen mit dem E1 (Nordsee–Bodensee–Gotthard–Mittelmeer) am 2. Juli 1972 als Fernwanderweg Bodensee–Adria vom Gründer der Europäischen Wandervereinigung Georg Fahrbach eröffnet.
Zur Erinnerung an dieses Ereignis findet sich in Konstanz am Bodensee (wo sich beide Wege treffen) eine Gedenktafel, die ich zum Abschluß meiner E1-Wanderung von der dänischen zur Schweizer Grenze übrigens just auf den Tag genau 49 Jahre und 11 Monate später erreichte am 2. Juni 2022 (E1 längs durch Deutschland, Tag 76).
"Für viele Wanderer endet der E5 an der Arena von Verona, weil es zwischen Verona und Venedig keine reizvollen Wanderwege gibt." heißt es bei Wikipedia und so lassen auch wir die Verbindung aus und starten gleich in Verona, so daß wir dem E5 gen Nord-Nord-Westen bis ins Ötztal folgen können.
Die Loisachrunde (unter diesem Namen findet man heute allerdings viele kurze Eintagestouren im Internet) oder auch der Loisach-Fernwanderweg, wie es die Wolfratshausener Stadtseite nennt, führen über 19 Tages-Etappen, 300 km, 10.000 Aufstiegsmeter von Wolfratshausen durch die bayerischen Berge an der Zugspitze vorbei (bzw. hinauf) und finden ihren Wendepunkt bei Coburger Hütte bzw. Wolfratshausener Hütte, von wo es dann über eine Talroute zurück nach Wolfratshausen geht.
Auch diesen Weg (neben dem Traumpfad sowie München-Prag, quasi dem dritten im Bunde) hat Ludwig vor Jahrzehnten ausgearbeitet.
Stefan Lenz, der 2002 den Wanderführer von Ludwig im Bruckmann-Verlag übernahm, eruierte (praktisch, in freier Wildbahn, live und in Farbe) in der Mitte der 2010er-Jahre an Hand des alten Originalführers eine moderne Route, da einige der alten Weg schlicht nicht mehr existent waren.
Dankenswerterweise stellte er mir bereits vor vielen Jahren ein E-Book mit Deltas und modernen Ergänzungen zur Verfügung. Ich hatte dann nichts besseres zu tun, als 2017 eine Bekannte und Wanderleiterkollegin vom Coburger Alpenverein darauf loszulassen. Aber das nur nebenbei...
Jedenfalls soll von der Coburger Hütte die alpine Variante für die Verona-München-Route bis Wolfratshausen gewählt und dann die erste München-Venedig-Etappe an der Isar entlang rückwärts gegangen werden - ganz in Ludwigs mutmaßlichem Sinne.
Dem späten Zeitpunkt in der Saison geschuldet und um nicht direkt das L1-Teilstück in den Stubaier Alpen zu kopieren, werde ich diesen Verbindungs-Zwischen-Abschnitt eher in Talnähe gehen. Für Varianten war Ludwig ja aber auch immer offen.
So, ganz so beschwingt wie Ludwig hier, marschiere ich in meinem Alter zwar nicht mehr, aber ein Plan steht, die Anreise beginnt, die ersten Unterkünfte sind gebucht und so kann es losgehen...
... auf Ludwigs allerletzten Weg.





